Australien dient oft als Testmarkt für neue Technologien und Services. Kleine und mittlere Unternehmen sind Innovationen daher besonders aufgeschlossen. Im zweiten Teil der Expertenreihe „Globale Tech-Trends im Mittelstand“ benennt Frank Feustel, Head of Product von MYOB, die wichtigsten Digitalisierungstreiber von KMU in Australien. Und zeigt auf, warum Pragmatismus in Sachen Cloud und Datenschutz so wichtig ist.

Sind angelsächsische Regionen in Sachen Innovationsoffenheit und technologischer Adaption weiter als Europa? Lauscht man der Expertendiskussion unter führenden ERP-Software- und Cloud-Computing-Anbietern aus den USA, Australien, Frankreich und Deutschland, so lässt sich diese These stützen: Im Haufe X360 Global Tech Roundtable vergleichen internationale Tech-Experten, wie Cloud-affin kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in ihren Ländern sind, welche Wechsel-Hürden bereits genommen wurden und von welchen technologischen Entwicklungen KMU dort profitieren.

Während in den USA Cloud Computing seit ca. zehn Jahren Mainstream ist und sich in Australien seit ca. fünf Jahren immer stärker durchsetzt, befindet sich der deutsche Mittelstand hingegen gerade erst am Anfang der Akzeptanzkurve. Dabei bildet Cloud-Computing die Basis, damit Unternehmen mit den sich ständig weiterentwickelnden Technologien Schritt halten können.

Im Interview zeigt Frank Feustel, Head of Product von MYOB, dem Marktführer für Buchhaltungs- und Unternehmenslösung für KMU in Australien und Neuseeland, warum sich Cloud-Lösungen unter australischen Unternehmen im Geschäftsalltag durchgesetzt haben.

Haufe X360: Australien gilt auch als sehr dynamischer Markt. Wie digital affin sind australische KMU und was die Digitalisierung in Australien voran?

Australische KMU sind grundsätzlich sehr offen für Innovationen und neue Technologien. Hierfür gibt es verschiedene Gründe: Zum einen sehen die Menschen in neuen Technologien eher Chancen als Hürden und gehen pragmatisch mit Innovation und Digitalisierung um. Dieses Mindset ist sicher durch die kulturelle und wirtschaftliche Nähe zu den USA und Asien geprägt, die aus Australien einen Schmelztiegel von Mentalitäten und einen Tummelplatz für technologische Innovationen machen. Es herrscht eine große Affinität zu digitalen Services, was Australien sehr interessant macht als Testmarkt für Unternehmen, die global expandieren und Australien als Sprungbrett für Asien, Europa und die USA nutzen wollen.

Doch neben diesem internationalen Einfluss begünstigt auch die australische Regierung die Digitalisierung mit finanziellen Mitteln. So können Unternehmen technologische Investitionen sofort steuerlich abschreiben. Außerdem hat sich mit der ansteigenden Akzeptanz von Cloud-Lösungen auch das Investitionsprofil von Unternehmen verschoben: Da die Anschaffung von Business-Systemen nicht mehr wie früher eine riesige Vorabinvestition bedeutet, denken Unternehmen nicht mehr in teuren Implementierungsprojekten, sondern entdecken die Vorteile von kontinuierlichen Anpassungen und Verbesserungen in Unternehmenssystemen.

Und Voraussetzung dafür sind Cloud-native Lösungen, die in ihrer Architektur flexibel, leicht anpassbar und damit skalierbar sind.

Haufe X360: In Deutschland hegen Unternehmen immer noch Bedenken gegenüber Datensicherheit und Datenhoheit. Das Thema Datenhosting in externen Servern ist immer noch eine Hürde für den Wechsel zu Cloud-Systemen für businesskritische Prozesse. Wie begegnen KMU in Australien diesen Themen und wie prominent ist der Diskurs über Datenschutz?

Datenschutz ist für australische KMU wichtig, aber sie gehen viel pragmatischer damit um. Ich beobachte, dass diese Diskussion in Europa und Deutschland fast philosophisch geführt wird. In Australien betrachten wir Datensicherheit aus der Perspektive des Risikomanagements: Wo haben wir Risiken und wo sind wir gefährdet? Welche Maßnahmen müssen wir ergreifen, um das Risiko zu minimieren? Hürden sind das nicht, eher Ansatzpunkte, um noch besser zu werden.

Auch im Alltag herrscht ein generelles Vertrauen in Cloud-Systeme: Australien ist Marktführer im Bereich Fintech und Finanzdienstleistungen. Wir haben Blockchains und neue Banken, Payment verläuft bargeldlos und digitale Finanztransaktionen sind Standard. Die Öffentlichkeit vertraut diesen Finanzsystemen und das überträgt sich auch auf den Unternehmensalltag. Dort wird Datensicherheit eher zu einem Standardhäkchen auf der Due-Diligence-Checkliste. Natürlich wollen KMU wissen, dass und wie ihre Daten in der öffentlichen Cloud geschützt sind und sie wollen Herr über ihre eigenen Daten sein. Aber ein Wechselhindernis wie in Deutschland ist externes Datenhosting nicht.

Im Gegenteil: KMU haben die Unsicherheit von On-Premise-Software und das Kosteneinsparungspotenzial von sicheren Cloud-Anbietern erkannt. Angesichts steigender Fälle von Identitätsdiebstahl, Ransomware-Angriffen und Krypto-Trojanern, die im letzten Jahr um fast 60 Prozent zugenommen haben, wählen KMU verstärkt Cloud-Systeme. Denn diese sind in Bezug auf Backups, Updates, Cybersecurity-Vorkehrungen und andere Schutzmechanismen viel sicherer und aktueller als das, was Unternehmen beim lokalen Hosting nur bedingt oder unter enormen Budget- und Personalaufwänden leisten können. Daher sehen wir seit Jahren, dass die Wahl zwischen lokal gehosteten Daten und dem Speicher in einem externen Cloud-Server vorwiegend zugunsten des Public Cloud Centers fällt.

Haufe X360: Im Global Tech Roundtable haben Experten über die Möglichkeiten neuer Technologien für KMU diskutiert. Welche Technologien sind in Australien heute im Einsatz und welche Entwicklungen werden aus deiner Sicht in Zukunft immer wichtiger werden?

Die Schlüsseltechnologie in Australien ist, genau wie in den USA, die künstliche Intelligenz: Unsere Kund:innen erwarten KI-Funktionalitäten und so sind OCR-Automatisierungen im Unternehmensalltag australischer KMU längst Standard. Dasselbe gilt für End-to-End-Automatisierungen über verschiedenene Geschäftsanwendungen hinweg. So sind etwa ERP-Systeme via Schnittstellen mit Banken verbunden und Kontobewegungen werden ohne manuelle Eingriffe gelesen und automatisch verbucht.

Ein künftiger Technologietrend ist aus meiner Sicht zum einen die wachsende Verbraucherfreundlichkeit von Unternehmenssoftware: Verbesserte Standards für Benutzerfreundlichkeit und Ergonomie, Automatisierungen, künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen werden die Komplexität von Unternehmensabläufen verbergen. Unternehmenssoftware und -systeme werden intuitiver, flexibler und im gleichen Maße „convenient“ werden, wie wir es aus dem Verbraucherleben gewohnt sind. Die Aufmerksamkeitsspanne der jüngeren Generation ist kurz, und die Systeme werden dies widerspiegeln und sich daran anpassen müssen.

Außerdem werden digitale Assistenten und systemisches maschinelles Lernen an Fahrt gewinnen. Wenn sich Benutzer zukünftig in das ERP-System einloggen, führt der Assistent durchs System, prüft den Stand des Geschäfts, sieht voraus, macht Vorschläge und führt Transaktionen aus. Die Nutzer:innen profitieren von einer Kombination aus Lernen, Ausführung und vollständiger Betreuung. Was die Mitarbeitenden wissen, wird vom System aufgegriffen und eingebaut, so dass letztlich das gesamte kollektive Wissen eines Unternehmens in das System einfließt und sich dieses letztlich immer wieder selbst anpasst und verbessert.

All diese Automatisierungen, maschinelles Lernen und verbesserte Ergonomie tragen dazu bei, dass die Komplexität von Geschäftsprozessen reduziert werden. Jene leistungsfähigen Standards komplexer und vernetzter Systeme, die einst großen Unternehmen vorbehalten waren, dringen auch in die Welt der kleineren Unternehmen vor. KMU haben Zugang zu dieser Intelligenz und Komplexität, aber durch einfachere und ergonomischere Systeme, die heute leichter zu handhaben sind als noch vor fünf bis zehn Jahren.

Haufe X360: Die Vorteile der Cloud und moderner Plattformen liegen für KMU auf der Hand. Was rätst Du denjenigen KMU, die noch zögerlich sind, ihre Unternehmens-IT zu modernisieren?

In vielen Ländern sind gerade die kleineren und mittleren Unternehmen der wichtigste Motor für das Wirtschaftswachstum. Wir sprechen über die digitale Transformation und die Cloud als einen ersten Schritt dieser Transformation. Die Cloud macht Agilität und digitale Widerstandsfähigkeit überhaupt erst möglich und eröffnet neue Geschäftspotenziale, die für kleine Unternehmen vorher nicht verfügbar waren.

Mein Rat für KMU ist: Lassen Sie sich nicht beirren, seien Sie pragmatisch, betrachten Sie die Cloud und die digitale Transformation aus verschiedenen Blickwinkeln, die für Ihre Unternehmenssituation relevant sind, und nehmen Sie einen Blick von außen ein! Fragen Sie sich: Was ist das Beste für Ihr Unternehmen? Was sind die Vor- und Nachteile, was macht die Konkurrenz, von wem können Sie sich unterscheiden? Und: Fangen Sie einfach an! Es ist eine Reise! Die Cloud ist der Anfang, aber der Transformationsprozess ist eine agile Reise kontinuierlicher Verbesserungen!

Haufe X360: Danke, Frank, für diese Einblicke und Motivation!